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Tim Alexander
19
Feb

Speakerinterview mit Tim Alexander von der Deutschen Bank

Tim Alexander beschäftigt sich als CMO der Deutschen Bank für das Privat- und Firmenkundengeschäft mit den Chancen von KI im Bankensektor. Nicht nur als Professor für Marketing und Kommunikationsplanung, sondern vor allem in der täglichen Praxis bewertet er, wie Künstliche Intelligenz Banking effizienter und kundenfreundlicher macht. Seine Eindrücke und Zukunftsprognosen hierzu schildert unser Speaker im Interview.

Mit welchen Erwartungen kommen Sie auf die AI Masters?

Im Zuge der Digitalisierung entwickelt sich die Rolle des Marketings vom Kellner zum Koch: Während zuvor oftmals das Servieren, also die Kommunikation und Vermittlung von Produkten und Dienstleistungen eine Kernaufgabe gewesen ist, ist Marketing heute immer stärker bei der Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen gefordert. Denn wie keine andere Unternehmensfunktion kann Marketing die Kunden- und Marktsicht einbringen. Denn nur, was kommunizierbar ist, hat Aussicht auf wirtschaftlichen Erfolg in der Zukunft. Entsprechend beschleunigt die Digitalisierung die Transformation von Marketing zu einer strategischen Unternehmensfunktion, die neue Technologien ausprobiert und für das Unternehmen verfügbar macht. In diesem Sinne erwarte ich neue Ideen und Anregungen auf der AI Masters, die Vernetzung von Experten und Austausch von Meinungen.

Was ist die größte Herausforderung für eine Bank im Umgang mit KI?

Der Umgang mit der Künstlichen Intelligenz ist nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine große Chance für die gesamte Branche. Die Arbeit in Banken besteht zum ganz überwiegenden Teil aus kognitiven Tätigkeiten. Künstliche Intelligenz wird uns künftig dabei helfen, die Wünsche und Bedürfnisse unserer Kunden noch besser zu verstehen und bei der Beratung noch besser die Lebensumstände der Kunden zu berücksichtigen. Schon heute entlasten Roboter die Berater von Routinetätigkeiten und schaffen mehr Zeit für die eigentliche Arbeit mit den Kunden. Zudem hilft künstliche Intelligenz auch dabei, die Prozesse in den Abwicklungs- und Service-Einheiten effektiver und effizienter zu machen. Soviel zu den Chancen, die sich jetzt schon zeigen. Die Herausforderung wird sein, die Menschen in den Banken bei diesem Fortschritt mitzunehmen, sie weiterzubilden, Bedenken aufzunehmen und auszuräumen und die Bereitschaft zum Wandel zu fördern. Nicht auszuschließen ist, dass auf längere Sicht auch Jobs entfallen, aber dafür werden an andere Stelle viele neue und interessante Jobs entstehen.

Sind Roboter die besseren Banker? 

Nein. Aber Roboter können die Mitarbeiter wirkungsvoll dabei unterstützen, für die Kunden der Bank gute und bessere Ergebnisse zu erzielen. Meiner Meinung nach werden die Maschinen die Menschen nicht ersetzen, sondern die menschliche Arbeitskraft noch produktiver machen.

Es soll bereits intelligente Software geben, die Markteinflüsse berechnet, in Relationen setzt und auf dieser Basis Anlagetipps gibt. Erklärtes Ziel: Den Aktienmarkt von Emotionalität befreien. Was halten Sie davon?

Eben das geschieht bei der Deutschen Bank schon: Wir haben kürzlich eine digitale Vermögensverwaltung, Robin, auf den Markt gebracht. Sie ist eine Verbindung von Mensch und Maschine. In die Anlageempfehlung für den Kunden fließen die Marktmeinung unseres Chefanlagestrategen und vieler unserer Kapitalmarktanalysten ein; die von uns entwickelten Algorithmen sorgen dann dafür, dass anhand vorher definierter Parameter das Geld des Kunden entsprechend angelegt wird und die Investments wirkungsvoll gesteuert werden. Dieses System kann über kurz oder lang auch die Berater in den Filialen bei der Anlageberatung unterstützen. Und das ist nur ein Beispiel unter vielen.

Das Finanzwesen im Jahr 2048: Wo arbeiten Menschen? Wo Roboter?

Es wäre vermessen, für einen Zeitpunkt so weit in der Zukunft eine ernsthafte Prognose abgeben zu wollen. Wir sind der Überzeugung, dass Künstliche Intelligenz das Arbeiten in den Banken so stark verändern wird wie kaum eine andere technologische Innovation in den letzten Jahrzehnten. Im Übrigen gilt, dass man die Veränderung der kommenden fünf Jahre immer überschätzt und die der kommenden zehn Jahre unterschätzt. Ganz persönlich glaube ich, dass auch in Zukunft die Kunden ihre Marke kennen, sie mögen und ihr vertrauen wollen. Und weil digital dann sowieso ein Hygiene-Faktor geworden ist, entscheidet eher die menschliche Qualität einer Marke. Sprich: Neben physischer Attraktivität soll die Bank eine echte Persönlichkeit, intellektuell und emotional ansprechend sowie sozial engagiert sein. Also ein „echter Mensch“ sein und bleiben.